Von ‘ner Dicke sondergleichen … Ein Laiengedicht über die Ivenacker Eichen aus dem Jahr 1899

Archivalie des Monat April 2022

Abb.: Postkarte aus Ivenack vom 30. Juli 1899 (LHAS, 13.2-5, Nr. 4/288)Details anzeigen
Abb.: Postkarte aus Ivenack vom 30. Juli 1899 (LHAS, 13.2-5, Nr. 4/288)

Abb.: Postkarte aus Ivenack vom 30. Juli 1899 (LHAS, 13.2-5, Nr. 4/288)

Abb.: Postkarte aus Ivenack vom 30. Juli 1899 (LHAS, 13.2-5, Nr. 4/288)

Die heute zu Recht weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten und gerühmten "Tausendjährigen" Ivenacker Eichen, 2016 erstes Nationales Natur Monument und 2020 Waldgebiet des Jahres, dürften bereits vor ca. 200 Jahren beeindruckt haben. Ungeachtet dessen lassen sich entsprechende zeitgenössische Komplimente nicht oder nur sehr schwer bzw. eher spät finden. Das weitgehende Fehlen zeitgenössischer Zeugnisse vor Mitte des 19. Jahrhunderts muss nicht unbedingt irritieren. Einerseits standen die Bäume seinerzeit auf Privatbesitz, dem sogenannten Tiergarten des Gutes Ivenack. Andererseits war "Freizeit", die Menschen selbstbestimmt beispielsweise durch Ausflüge in ihr näheres oder ferneres Lebensumfeld gestalteten, im Grunde noch nicht einmal ersonnen – erst 1865 soll der Begriff erstmals Eingang in ein deutschsprachiges Wörterbuch, nämlich das des Strelitzer Linguisten Daniel Sanders, gefunden haben. Selbstredend reisten Menschen schon damals, sei es zu ihrer Bildung oder sei es zu ihrem Vergnügen. Allerdings handelte es sich dabei eher um Privilegierte als um Jedermänner und -frauen und vom "Reiseland Nr. 1" war Mecklenburg noch weit entfernt. Vielmehr befanden sich die Sehnsuchtsziele weiter südlich, südlicher als Bayern noch, nämlich in Italien.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dürfte sich der Bekanntheitsgrad der Ivenacker Eichen signifikant erhöht haben. Nachdem Fritz Reuter 1855 in der Vorrede seiner Erzählung "De Reis‘ nah Bellingen" über die liebliche Oase Ivenack und ihre tausendjährigen Eichen ins Schwärmen geriet, verewigte er sie 1860 in "Hanne Nüte un de lütte Pudel (Eine Vogel- und Menschengeschichte)" auch in Versform:

Ick weit einen Eikbom, de steiht an de See
de Nurdsturm, de brust in sin Knäst;
stolz reckt hei de mächtige Kron in de Höh,
so is dat all dusend Johr wäst,
kein Minschenhand, de hett em plant;
hei reckt sick von Pommern bett Nedderland.

Im Jahr darauf reflektierte er das Naturphänomen ein weiteres Mal. "In der Ferne das Liebste, was ich auf Erden kannte," so hieß es 1861 in "Meine Vaterstadt Stavenhagen", war, "vielleicht weil’s eben auch das Fernste war, de[r] Thiergarten zu Ivenack mit seinen stattlichen Hirschen, seinen tausendjährigen Eichen und einem Baumwuchs, wie er in Deutschland nicht ein zweites Mal gefunden werden dürfte. Diese Eichen waren die stolzen Grenzwächter meiner Besitzungen, bis hierher ging mein Reich und zugleich meine Geographie, was darüber hinaus lag war unbekanntes Land."

Knapp vier Jahrzehnte nach den Reuter-Versen, am 30. Juli 1899, versuchte ein gewisser "Paul" in die Fußstapfen der mecklenburgischen Ikone zu treten. Aus dem Gasthof von Louis Risch sandte er einen "Gruß aus Ivenack" an den in Ohrsleben bei Söllingen in der Nähe von Karlsruhe weilenden Lehrer Andreas Nabel. Das Trägermedium, eine lithografierte Postkarte, wirkt zumindest hinsichtlich der Bäume nicht sonderlich authentisch – die kleine Reminiszenz an sie in der oberen rechten Ecke, die sie im Übrigen als "2000jährige Eichen" ausweist, scheint doch sehr beliebig. Im Unterschied dazu enthält Pauls, nun ja, Dichtkunst immerhin einen Schuss Originalität und womöglich auch einen Schuss Übertreibung:

Hier sind uralt heilge Eichen
Von ‘ner Dicke sondergleichen
Ei, fürwahr, man glaubt es kaum
Fünfzehn meter Taillenraum
Misst sogar der dickste Baum.

Dr. Matthias Manke

2024

2023

2022

2021

2020

2019

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007